Nicht nur die Wir-Weit-Weg-Gruppe der Oberschule Paunsdorf, nein, sogar die ganze Jahrgangsstufe der 9. Klasse kam in den Räumen der Schulmensa vor kurzem zu einem besonderen Privileg: Ein Gespräch mit Andrei Iwanowitsch Moiseenko, ehemaliger Zwangsarbeiter und Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald. Andrei wird am 1. Mai erstaunliche 100 Jahre alt. Seine Erzählungen aus der Zeit des Nationalsozialismus handeln von Gewalt und doch ist die Begegnung zwischen ihm und den Jugendlichen voller Lebensfreude: SchülerInnen rufen ihm auf Russisch und Deutsch Fragen zu, auf die er mal ernst und eindringlich, mal lachend antwortet. Nach dem Gespräch wird Andrei, der in einem etwas skurrilen Outfit erschienen ist, noch lange von Jugendlichen belagert. Viele wollen ein Selfie mit dem Zeitzeugen im Seemannskostüm machen.
Andrei war noch ein Jugendlicher, als er aus dem Gebiet der heutigen Ukraine, damals der Sowjetunion, nach Deutschland verschleppt wurde. Im Stammwerk der HASAG in Leipzig-Schönefeld musste er mit tausenden anderen für das nationalsozialistische Deutschland Waffen für den Krieg produzieren. Irgendwann geriet er in den Verdacht, eine Widerstandsgruppe anzuführen. Er wurde verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert, in dem er bis zur Befreiung durch die US-Army überleben konnte.
Heute ist auf dem Gelände des damaligen Leipziger Rüstungskonzerns neben einem großen Wissenschaftspark auch die Gedenkstätte für Zwangsarbeit. In Vorbereitung des anstehenden Zeitzeugengesprächs besuchen wir die Gedenkstätte mit unserer Gruppe von Wir Weit Weg. Anja Kruse, die hier in der Bildungsarbeit tätig ist, empfängt uns mit guter Laune und einer Tasse Kaffee in der Hand. Rund eineinhalb Stunden führt sie uns über das Gelände des ehemaligen Farbrikstandortes. In einem dichten Dialog von Fragen und Antworten erschließen sich die Schülerinnen die Geschichte des Ortes. Sie erfahren etwas über die Hintergründe des Systems Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Geschichten wie die von Andrei Iwanowitsch bewegen dabei ebenso wie die zahllosen Schicksale von Menschen aus ganz Europa, die die Verbrechen der Nazis nicht überlebten.
Am Ende stehen wir mit Anja vor der digitalen Karte der Gedenkstätte, die den aktuellen Forschungsstand zu Zwangsarbeit im Stadtgebiet dokumentiert. Wir zoomen in die Riesaer Straße in Paunsdorf, für die Jugendlichen ein alltäglicher und bekannter Ort. Auch hier gab es zahlreiche Lager und Einsatzorte der Zwangsarbeit. Die Jugendlichen sind interessiert. Wir überlegen, in den kommenden Wochen hier eine Erkundungstour zu machen, um die Allgegenwart von NS-Zwangsarbeit gerade an einem Ort in der Nachbarschaft besser zu verstehen. Denn auch und besonders dort, wo heute zunächst nur Therme und Sportplatz sichtbar sind und ein 100-Jähriger mit uns Selfies macht, gibt es eine Geschichte zu erfahren.
